Bankrotterklärung statt Rache – Analyse Sturm vs. Soliman

 

Fotos by Uwe Koch - BOXING-PHOTO.COM

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Felix Sturm – Bankrotterklärung statt Rache

Krefeld – Am Samstag den 31.05.2014 sollte im Krefelder Königspalast „Tag der Abrechnung“ sein. Vor dem Kampf gab es nur die Frage: „Gewinnt Sturm vorzeitig oder nach Punkten“? Der Abend endete in einer Bankrotterklärung für Felix Sturm und sein Team.

Während Sam Soliman in bester Rumpelstilzchen Manier nach dem Gewinn des Weltmeistertitels im Ring tanzen durfte, gab es bei den Zuschauern, den Medien und im Lager vom Deutsch-Bosnier viele lange Gesichtern zu sehen und noch mehr offene Fragen.

Hat Felix Sturm aus dem ersten Kampf gegen den Australier nichts gelernt oder war er sich seiner Sache einfach zu sicher? Zumindest ist sein IBF Titel wieder futsch und viele Chancen wird er nicht mehr bekommen um sich für größere Aufgaben zu empfehlen.

Lisa Kempin hat für German Fightnews den Kampf analysiert.

(Lisa Kempin ist Deutsche Meisterin beim olympischen Boxen und mehrfache Hochschulmeisterin, sowie ehemalige Bundeskaderathletin und der neuste Zuwachs im GFN Team.)

Sturm – Soliman – Die Analyse

von Lisa Kempin

Schon von Beginn der ersten Runde an tänzelt Soliman locker und frech vor Sturm herum, während dieser verkrampft und lustlos wirkend mit Doppeldeckung hinter dem kleineren Mann herläuft und dabei zunächst auch nicht viel kassiert.

In der folgenden Runde bereits ändert sich dies jedoch und Soliman kommt vereinzelt mit Kombinationen zu Kopf und Körper durch. Eindeutig bleibt er der aktivere und agilere Kämpfer im Ring. Soliman arbeitet unsauber, aber er arbeitet zumindest.

Sturms Deckung bewahrt ihn zwar vor den meisten Fäusten aus dem gegnerischen Schlaghagel, selber kann er jedoch auch keine Treffer setzen. Versucht es scheinbar gar nicht.

Wo die Kommentatoren hier Vorteile bei Sturm entdecken, ist für mich nicht ersichtlich. Mit gutem Willen kann man diesem die dritte Runde geben, in der Soliman zum erneuten Male wegen unsauberen Schlägen auf Rücken und Hinterkopf ermahnt wird und Sturm tatsächlich den ein oder anderen Jab in Solimans Gesicht versenkt.

Die folgenden Runden bleiben bei Soliman, der weiterhin einen Angriff nach dem Anderen startet, unermüdlich rein und raus geht und sich flink um Sturm herum bewegt. Dieser lässt sich vollkommen auf Solimans Spiel ein. Nutzt seinen Armlängenvorteil nicht, boxt in der falschen Distanz und scheint es weder für nötig zu halten anzugreifen, noch auf die Angriffe von Soliman zu antworten. Sturm bewegt sich zwar stetig vorwärts, ist aber ganz klar nicht aktiv genug, um auch nur eine der folgenden Runden für sich zu entscheiden. Er frisst nicht nur Fäuste aus den unsauber geführten, wilden Angriffen des kleineren Mannes in der Halbdistanz, sondern sogar regelmäßig einzelne Jabs.

In Runde acht deutet sich an, dass Solimans Leber leicht zu knacken wäre, alles sehen das er nach einem linken Körperhaken merklich zusammen zuckt. Sturm sieht es nicht.

Weiterhin loben die Kommentatoren jeden Wischer von Sturm, der auch nur in der Nähe von Solimans Gesicht eintrifft und übersehen die etlichen Treffer (die auch Sturms Nase und Jochbein im Interview nach dem Kampf deutlich anzusehen sind) des Australiers.

Der 40-jährige Soliman lässt konditionell immer noch nicht nach, setzt seine Linie fort, die aus unsauberem, aber schnellem, variablem Boxen besteht.

Während Sturm den gesamten Kampfverlauf verkrampft die Chance für den einen entscheidenden Treffer zu suchen scheint und sich dabei ständig in Solimans Reichweite begibt und sich klein macht, kaspert dieser locker vor Sturm herum und führt ihn vor den scharenweise angereisten Fans regelrecht vor.

Im letzten Drittel des Kampfes haben auch die Kommentatoren eingesehen, dass nur ein K.O. den Titelverteidiger zum Sieg führen könnte. Ein Lebertreffer in der vorletzten Runde bringt Soliman zwar nicht zu Boden, aber ganz kurz aus der Fassung und Stabilität.

Statt nachzusetzen bleibt Sturm jedoch weiter abwartend in der Doppeldeckung und so ist es Soliman, der zuerst wieder angreift (und trifft), ohne auch nur eine lange, störende Hand von Sturm fürchten zu müssen.

Felix Sturm schlägt in dieser Runde zwar ein bisschen mehr, Soliman bestimmt aber weiterhin deutlich das Kampfgeschehen.

Auch in der letzten Runde boxt Soliman weiter unsauber und ‚dreckig‘ lässt aber konditionell nicht nach, bietet kein festes Ziel und haut immer wieder vor Sturms vereinzelten, nicht besonders beherzten Angriffen (meist nicht aus mehr als zwei Schlägen bestehend) ab.

Der Kommentator lobt abschließend Sturm mit den Worten ‚hat alles gegeben‘, für mich schien er eher eine Mischung aus lustlos und zu cool zu sein und somit verliert er zu Recht den Weltmeistertitel, um den er nicht wirklich ‚gekämpft‘ hat.

Sturms Worte im anschließenden Interview spiegeln seine Einstellung recht gut wieder: ‚Joa, ist jetzt halt so. Kann man nichts machen‘ (nicht das er es wirklich versucht hätte).

Falsch eingestellt und unflexibel, technisch unklug gegen einen Kleineren Mann boxend hat er so ziemlich alle Runden an Soliman abgegeben.

Wie geht es nun weiter mit Felix Sturm? Viele Möglichkeiten wird er nicht mehr bekommen um Titel zu boxen.

Aber vielleicht gibt ihm King Arthur Abraham eine letzte Chance…

Fotos by Uwe Koch - BOXING-PHOTO.COM

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