Der heutige Trainingstag stand im Zeichen der Technik. Technik ist alles. Sitzt die Technik bekommt alles, was wir im Kampfsport machen Sinn und Durchsetzungskraft! Das ist sogar übertragbar in den Alltag. Obwohl ich nun schon einige Male an meine konditionellen Grenzen gelangt bin – freue ich mich selbst über die Tatsache, das ich anscheinend noch „Biss“ habe – aber eben Null – Kondition – nicht für das was Kyokushin von mir verlangt.

Noch.
Nach 20 Minuten Aufwärmen ist mir bereits nach Würgen. Kann ich aber nicht, weil Kerem an mir vorbeiläuft und schreit:“Auf die Beine, Soldat.“
„Blödmann“, denkt etwas in mir – doch DAS hat es gebracht!
Ich laufe tatsächlich weiter.
Danke Kerem.
Runde um Runde. Runter auf die Fäuste! Liegestütze. Hoch auf die Beine! Kniebeugen. Es nimmt einfach kein Ende. Die Lunge brennt, meine Beine auch. Damit ich vom Leitungspuls kurz runterkomme, gehe ich – Arme hoch – Atmen! Luft! Durch die Nase rein aus dem Mund raus! Weiterlaufen.
Immer weiter.
Nach 40 Minuten aufwärmen bin ich vollständig zerstört und ich würde am Liebsten hinauslaufen. Wenn ich nur könnte. Mein Mund ist furztrocken. Letzte Runde Dehnen. Nochmal 15 Minuten Schmerzen.

Dann beginnt das Training.
Verschiedene Techniken werden Partnerweise geübt. Zuerst Boden Randori, also Bodenkampftechniken. Kenne ich bereits aus dem Judo und Ju Jutsu.
Einer meiner Lehrpartner hierin ist Meister Lucas. Toller Typ. „Me gusto“, würde ich in seiner Landessprache sagen. Falls ich jemals herausfinde, wie man es schafft ein so freundlicher Mensch und zugleich ein so knallharter Fighter zu sein, werde ich es sofort umsetzen! Ich freue mich das ich von Lucas lernen darf. Ja, auch nachdem ich bemerkte das ich ihm nichts entgegenzusetzen habe – nicht nach dem Aufwärmprogramm. Naja, wenn ich ehrlich bin: Nicht einmal wenn ich morgens ganz frisch aus einem Ei schlüpfen würde.
Schwächlich bin ich bestimmt nicht – aber eine Luftpumpe. Das Gerangel gibt mir echt den Rest. Meister Lucas hebelt. Ich klatsche ab. Alle Muskeln in meinem Oberkörper brennen. Meine Bauchmuskulatur jault. Gnadenlos zeigt mir Meister Lucas, das ich zwar stark bin, doch er ein Meister!
Meine Grenzen, werde ich mir aber gleich noch einmal genauer bestätigen lassen von Meister Siggi. Als ich im Wechsel vor Meister Siggi kniee, bin ich schon an der Grenze des menschlich möglichen angelangt. Ich keuche, atme wie eine Rennmaus. Bis auf die Haut durchgeschwitzt bin ich. Klitschenass.
Mir ist nach kotzen. Wir beginnen.
Meister Siggi war auf meinen Griff nicht vorbereitet. Kurzer Vorteil: Ich greife hart über Kreuz ans das Revers und ziehe zu. Für eine Sekunde werden seine Augen groß. Ich habe ihn tatsächlich überrascht!
Ein Meister in Bedrängnis!? Wirklich?
Meister Siggi lässt sich erfahren nach hinten fallen und zieht mich mit. „Sofort raus da!“ schreit eine Stimme in mir. Also, seitlich raus! Griff unverändert hart am Revers meines Meisters. „Wenn du jetzt los lässt – tritt er dir in deinen Arsch! Lass jetzt bloß nicht los!“ Mir wurde mein Fehler bewusst: Regel Nr.1 im Kampfsport: Stelle niemals Deinen Meister auf die Probe!
Ich packe so kräftig zu wie ich kann und halte meinen Griff. Einen Griff den Meister Siggi, zuerst nicht lösen kann – mit Kraft will er meine Hände loswerden, die sich wie Stahlklammern an ihm festhalten. Ich halte dagegen: „Nix gibt´s!“ Doch seine Rechnung geht auf: Meine Kondition zerstört alle Hoffnungen hier noch einen Stich zu landen. Meister Siggi gibt Gas! Er windet und dreht sich wie ein Aal.
Ich halte den Griff. Unerbittlich.
Mein Griff ist inzwischen so verzweifelt, das das Revers des Anzugs von Meister Siggi reisst. Für einen kurzen Moment, löse ich meine Hände – Zack! Das war´s. Sofort schiebt sich ein Arm von Meister Siggi in eine Position, von der aus er meinen rechten Griff vollständig lösen kann und seinerseits zu einem Arm-Bein-Hebel ansetzt.
Ich wehre mich mit allerletzter Kraft:“Ich werde es dir so schwer wie nur möglich machen!“ Meine linke Hand will ihn nicht loslassen und der rechte Arm will sich einfach nicht beugen.

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Dadurch verlängere ich die Zeit meiner „Leiden“.
Eine sehr, sehr schmerzhafte Erfahrung, doch hätte ich die Nummer abgebrochen, nachdem ich sie nun schon begonnen habe, wäre ich nicht nur  respektlos einem Meister gegenüber gewesen, sondern auch noch ein Feigling. Er hätte das alles abbrechen können und ich hätte schlimmstenfalls sogar für heute gehen müssen.Meister Siggis Entscheidung war: Mich zu lehren – denn darum habe ich ihn eigentlich gebeten.
Ein Meister erkennt so etwas.
Danke Meister Siggi.

Darauf folgte Kombinationstraining an den Pratzen. Großmeister Tasev zeigt uns Schülern, was er sehen will. Wir zeigen es ihm. Geduldig achtet er auf jeden Schüler. Meister Lucas, Meister Bobo und Meister Siggi stehen ihm mit wachem Blick zur Seite und korrigieren Bewegungen oder zeigen nochmal die Technik. Großmeister Tasev verlangt, das sie flüssig ist, die Kombination.
„Nicht wie Roboter – eins nach dem anderen! Bewegung! Ihr müsst Euch bewegen!“
Diese Kombinationen bestehen aus insgesamt sechs Faustschlägen und einem Knie oder einem Low-Kick. Das gibt mir den Rest. Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten – so im Eimer bin ich. „Der Schweiss“ – ist ein Fluß in Deutschland und er fliesst an mir herunter. Die Hölle – meine Arme und Beine stehen in Flammen. Ich kann meine Hände kaum noch anheben, von wegen: Oben halten.
So im Eimer bin ich.
Der junge Mann aus Peru, der mein Partner ist, steht staunend vor mir und schüttelt den Kopf:“Alter Falter! Respekt! Oder, bist du nur zu faul zum umfallen?“ Meister Bobo gibt dem schwarzen Sandsackmonster im Hintergrund die Kniee. Er sieht das ich am Ende bin. Er kommt zu mir, klopft mir auf die Schulter und sagt:“Zieh durch! Niemals aufgeben! Niemals! Stell dich grade hin wenn ein Meister mit dir spricht! Gut so. Jetzt atme durch deine Nase ein und durch den Mund aus. Geht´s?“ „Ja.“ „Warum stehst du dann noch regungslos hier?“ „Ja, Meister.“ Ich muss würgen, so schlecht ist mir. „Los jetzt!“ Meister Bobo ist aus weiter Ferne zu hören. Die Kombinationen treffen die Pratze. Viktor mein Partner und ebenfalls Anfänger, wird durch meine Schläge und Tritte, hin und her geworfen.
„Ja! Genauso.“ sagt Meister Bobo. „Bitte nicht so doll“, sagt Viktor.
Links-Rechts-Links-Knie-Low-Kick! Immer weiter. Immer weiter. Die Uhr erlöst Viktor, der nun erst recht staunt, aber sie schickt mich wieder auf die Matte.

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„Nicht zu schaffen. Du bist eben viel zu alt für diese Scheisse! Ausserdem was bringt Dir das? Einen in die Fresse bekommst Du hier. Komm, Alter! Wir gehen nach Hause! Das hat doch alles keinen Sinn!“, zischelt ein übler Gedankendämon in mir.
In dieser Situation steht auf einmal der jüngste Sohn von Meister Siggi neben mir. Der Lütte sieht, wie ich kollabiere. „Tolles Vorbild bist Du!“ denke ich.

Es kam, wie es kommen musste: Der Windelprinz sieht mich mit großen, glänzenden Augen an, reckt seine kurzen Ärmchen in die Luft und sagt mit so einer supersüßen Kinderstimme, wie aus einem Film:
„Du bist doch aber groß und stark. DU kannst bestimmt alles schaffen. Du darfst nicht aufgeben.“ Seine Augen leuchten.
Es knarzt und quietscht an allen Ecken, doch die müden, alten Knochen raffen sich erneut hoch: Kampfstellung.