Heute stand das Training unter dem Motto Bodentechniken, Kombinationstraining am Boxsack und freies Training.

Mein Organismus hat den anfänglichen ersten Schock gut überstanden – das Training heute läuft etwas besser. Von Pappkartonessen von Mac Doof und KFC bin ich vollständig runter – habe beim letzten Einkauf nur gesundes Zeug gekauft. Joghurt, Haferflocken und so´n Zeug.

Im Bodenkampf stellt sich heraus, das ich mich noch nicht vollständig erholt habe. Meine Nicht-Kondition macht mich fertig. „Du musst aufhören zu rauchen!“ sagt Meister Lucas zu mir und lacht sich kaputt.

Ich auch. Danach habe ich Seitenstiche.

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Nach ein paar Runden mit Gegnern die halb so alt sind wie ich, merke ich bereits, das ich das komplette Wochende brauchen werde, um zu regenerieren.

Vor mir kniet ein Gelbgurt im Kyokushin Karate. Gelbgurte sind bereits voll heftig. Dieser auch. Wir klatschen ab und legen los. Während wir uns annähern, denke ich:“Ok! Wir sind ungefähr gleich schwer, das ist gut, weil ich deutlich größer bin“, denke ich in meinem Anfängergeist,“Wenn ich clever bin, kann ich ihn besiegen! Ich probier´s einfach mal!“

Der Ausrüster der Champions

Eine fatale Entscheidung.

Mann geht das ab! Wir beiden rangeln uns durch die Gegend. Keiner hat zunächst die Oberhand. Dann bekomme ich mich befreit aus einer Beinschere und bringe mein Knie auf den Oberschenkel meines Gegners und beuge mich vor! Ah! Wirkung! Gut so. Ich bin frei und setze zum Kreuzgriff an sein Revers an. Hab ich dich! Ich ziehe zu. Der sitzt! Mein Gegner würgt und ringt nach Luft. Fragt mich nicht wie? Irgendwie schafft er es doch tatsächlich mein Bein zu hebeln! Während ich mich darauf konzentrierte ihn in einen guten Würgegriff zu bekommen hat er die Zeit genutzt und kann jetzt echt mein Bein hebeln!? Was geht denn jetzt?

WTF?

AAaargh! Sofort meldet mein Körper Alarmstufe Rot im Kniebereich! Ich muss abklatschen! Fassungslos rolle ich mich weg. Wie kann das nur angehen? Ich hatte ihn doch bereits! Verflixt nochmal! Einen Kyokushin Gelbgurt im Bodenkampf zu besiegen wäre ja doch schon mein Highlight der ersten Woche gewesen.

Merke: Man muss groß träumen – damit man die Hälfte davon erreicht.

Beim folgenden Techniktraining ist Geschmeidigkeit gefragt. Eine Fähigkeit die mir vollständig zu fehlen scheint. Ich bin nunmal ein grader Typ. Die seitlich ausgestellten Tritte sind überhaupt nicht meins. Mir liegen eher die Front-, Low- und Bodykicks. Wenn ich die Dinger schnell ausliefern kann – glaube ich, das mit etwas mehr Übung, da noch einiges herauszuholen ist. Das Gleiche gilt für meinen „Boxstil“. Also, sofern man das so bezeichnen kann. Ich stehe. Meistens stabil, aber eben nicht sehr beweglich. Ich komme von vorn. Ich bin beidseitig begabt, das ist zwar schon nicht übel. Reicht aber alles noch lange nicht.

Meine statischen Abläufe schienen auch Meister Tasev zu beschäftigen. Er kam zu mir und sagte:“Du kommst zum Thaiboxen, mindestens einmal in der Woche. Das ist nicht sehr viel Unterschied zu jetzt, nur dort kann ich noch anders mit dir arbeiten.“

Dann Sandsack. Ich stehe diesmal vor der kleineren Version. An dem Riesending dürfen Weltmeister Mustafa Nas und Meister Lucas ihr Können zeigen. Ihre Schläge kommen schnell und wuchtig.

Meister Tasev macht die Übung vor. Wir Schüler machen es ihm nach.

Ich habe noch keine Handschuhe für das Sandsacktraining. Die schweren Dinger würden mir jetzt gerade noch fehlen.

Falsch gedacht. Meister Tasev sieht das ich keine Handschuhe habe und kommt sofort mit einem Paar an, zieht sie mir über und bevor ich etwas sagen kann, stehe ich wieder in Kampfstellung am Sack.

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Meister Tasev zählt. Ich schlage mit voller Wucht meine Fäuste in den Sack, so wie man mir es gesagt hat. „Nimm mehr die Hüfte dazu – sonst kannst du schlagen soviel du willst und nichts passiert. Ausser das du deine Kondition verbrauchst.“ Ich nehme die Hüfte dazu. Aha! So geht das also! Im Hintergrund höre ich Meister Lucas und Mustafa Nas, wie sie den großen Sandsack zusammenhämmern. Ganz gleichmässig klingen ihre Hiebe. Jeder Schlag sitzt hörbar mit derselben Wucht am Sack.

Bei mir nicht. Hüfte: Ja. Richtiges atmen? Nein.

Meister Tasev stellt sich vor mich und deutet mir, die Arme seitlich zu halten und sagt:“Spann mal an.“ Er schlägt mir zweimal auf die Bauchmuskulatur. Mein Schatten klatscht hinter mir an die Dojowand und bricht weinend zusammen, während ich mit zusammengekniffenen Augen tatsächlich noch aufrecht stehe! Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll? Ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben am hellichten Tag, Sternchen vor meine Augen. „Atmen! Du musst ausatmen, Sven! Wenn du getroffen wirst: Anspannen und aus- atmen. Wenn du schlägst – ausatmen – Hüfte mitnehmen. Hast Du das verstanden?“

Ich presse einige zustimmende Laute durch meine Lippen. Was für ein ääätzender Schmerz. Es sticht an meinem Rippenbogen und ich kann kaum atmen OHNE Schmerz. Das hat sich gerade angefühlt als wäre ich gegen eine Wand gelaufen. Freiwillig! „Affen lernen deutlich schneller als Du!“ nervt das Ego. Der größte Kampf findet im Kopf statt!

„Kampfstellung!“

Mit wackeligen Knien hau ich auf den Sack ein! Das was noch drin ist. Mir gelingen die Kombinationen einfach noch nicht so schnell und so gleichmässig kraftvoll, doch das kommt sicher noch mit der Zeit.

Wenn nur nicht meine Rippen so schmerzen würden.

Ich brauche dringend ein Voltaren Vollbad und irgendjemand muss mich mal in den Arm nehmen…

 

Am Freitag lest Ihr die Fortsetzung! Wo? Nur auf German Fightnews! Bleibt gespannt.

Euer Uchi-Deshi