„Enter the Dragon“ – Der Uchi-Deshi

Nach einer Woche Zwangspause durch eine Rippenbogenprellung, kam ich endlich wieder zum Training. Ich habe mich schon richtig darauf gefreut – ja, ich weiß das klingt seltsam, bekomme ich doch regelmäßig bestätigt, das mein Weg noch lang sein wird. Eigentlich ist er ja nur so lang, weil ich ein Training an 5 Tagen der Woche noch nicht bewältigen kann.

Noch. Tatsächlich soll ich mich in dieser kurzen Zeit bereits gesteigert haben. Mir fällt das nicht auf – ich arbeite mit allen anderen mit, so gut ich kann – doch ich bin immer derjenige der jedesmal fast umkippt oder aufgehoben werden muss.

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Ich bin halt noch der „Kleine“. Der anfängliche „Welpenschutz“ ist für mich aber dennoch ausgelaufen. Geschont werde ich nicht mehr. Auch unter Schmerzen vertraut man meinem Urteil das ich weitermachen kann – ich kenne meine Grenzen und weiß genau ab wann nichts mehr geht – das ist in dem Moment der Fall, an dem ich umkippe und liegenbleibe vor Erschöpfung. Würde ich ohnmächtig vor Anstrengung, was bei mir durchaus im Rahmen liegt, würden sich die anderen um mich kümmern.

Diesen Punkt muss man verschieben. Soweit es nur geht, um nicht bei jeder Kleinigkeit zu einer Belastung zu werden für die Gruppe. Es gibt Anfänger, die ganze Lerngruppen aufhalten, nur um entsprechende Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und hier ist es egal, ob jemand in der Schule ist, an der Uni studiert oder Vollzeit berufstätig ist. Mir wäre es ein äusserst unangenehmes Gefühl, müssten meine Mitschüler aufgrund meiner persönlichen Schwächen auf mich achten, weil ein Meister es dann so anweisen würde. Die Schüler wären dann aber so dermassen aufmerksam, das es peinlich würde.

„Kyokushin“ bedeutet sinngemäss soviel, wie: „Ultimative Wahrheit“.

Da jeder meiner Mitschüler zu jeder Zeit sehen kann, ob ich mich bemühe, ob ich bereit bin alles zugeben, ob meine Motivation dort zu sein aufrichtig ist, wäre falsche Zurückhaltung absolut fehl am Platz. Ich will dazugehören, ein Teil dieser kleinen, exklusiven Gemeinschaft von Kämpfern werden. DAS geht nur wenn ich wie alle anderen ALLES gebe! Ich muss ihnen beweisen das ich das Zeug dazu habe und das ich den Platz unter ihnen auch verdiene. Nett und freundlich sein – das können bekanntermassen sogar die größten Arschlöcher.

„Dein Wille entscheidet alles.“ waren Großmeister Tasev´s Worte zu Beginn meiner Reise.

Alle Schüler sind im Dojo und schlenzen herum, wir albern und begrüssen uns.

Meister Lucas steht neben mir. Er schaut an mir vorbei auf die Uhr:“Das ist genau die richtige Zeit für Rumpfbeugen, oder Sven?“ „Klar!“ sag ich und wir lassen uns fallen und legen los. „Hände hinter den Kopf aber, Sven.“ So werden die Dinger noch schwerer. Meister Lucas mag mich. Während wir das also machen bildet sich ein Kreis um uns. Die andere freuen sich für uns, das wir so fleissig sind. Das wiederrum freut Meister Lucas, der nun alle „bittet“ es uns gleich zu tun. Meister Lucas und ich haben so 20 – 25 Rumpfbeugen drin – und die anderen stossen dazu. Wir liegen wie eine Perlenkette nebeneinander. Niemand zählt. Meister Lucas bemerkt am Chaos der Bewegungen, das Ordnung fehlt und er echt etwas sagen muss:“So, von hinten nach vorne zählt jeder 10 und schön im Takt!“ 80 Rumpfbeugen später, zähle ich endlich meine 10 runter. Noch 40 dann sind wir einmal durch! Am Anfang der Übungen ist man immer noch sehr interessiert an der Menge oder Zahl die man schon geschafft hat.

Kennt Ihr den Punkt? Das heisst nix anderes, als das Ihr noch keine Leistung gezeigt habt. Klingt provokant – ist aber so.

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Meine Bauchmuskulatur ist jetzt nicht schön warm, wie Meister Lucas glaubt, ich stehe nach schlappen 150 Rumpfbeugen bereits wieder vor dem Eingang des „Tunnels der Krieger“. Noch eine Übung und ich stehe mitten drin – dort ist es sehr dunkel und ich kenne mich nicht aus. Nur Stimmen leiten mir den Weg. Das Dojo ist komplett hell ausgeleuchtet – doch um mich wird ganz langsam alles dunkel. Nur noch ein Feld in der Größe einer Tür kann ich dann erkennen vor meinen Augen. Das habe ich im Dojo schon einmal erlebt, ob das normal ist weiß ich nicht.

Atmen funktioniert zum Glück auch bei Blondinen, wie mir als Reflex.

Lustig finde ich diesen Teil nicht, weil ich in meine eigenen Tiefen hinabsteige, in den dunklen Keller den wir Menschen alle in uns tragen. Dort war ich noch nie. Mir hat man als Kind immer gesagt:“Du musst artig sein. Wer so groß ist wie Du muss immer freundlich sein.“ Doch leider besitze ich auch die andere Seite. Nach ein paar grenzwertigen Erlebnissen, habe ich in meinem Leben nichts mehr ausgegrenzt als die Gewalt gegen andere.

Ich kann mich wehren – keine Frage! Jemanden ohne Grund angreifen kann ich aber nicht.

Doch immer freundlich geht eben auch nicht.

Zu Anfang meines Trainings habe ich die Tür zu diesem Raum gesehen, dann langsam aufgemacht. Jetzt betrete ich Neuland. Ich entdecke mich selbst neu! Das ist schon etwas gruselig – doch zum Glück: Ich bin nicht allein.

Das Beinpressen mit dem Rücken an die Wand gelehnt ist mörderisch. Ächzen und Stöhnen! Motorengeräusche aus jeder Ecke des Dojos! Keine Pause. Nur kurz aufstehen und sofort wieder in die Stuhlstellung mit dem Rücken zur Wand. Gegenseitig schreien wir unsere Schmerzen heraus. Alpay, Benjamin, Camil, Mustafa, Ibrahim, Viktor – alles gestandene Kampfsportler mit vielen Auszeichnungen, sie alle brüllen die Anstrengung heraus – mitten unter ihnen: stehe ich. Wir ziehen das Ding durch – gemeinsam!!

„Jetzt laufen!“ Meister Lucas ist immer für einen Spaß zu haben

Was darauf folgt dient der Abhärtung für ein Kumite.

Meister Lucas bittet uns mit einem Partner zusammenzu finden, um erneut Rumpfbeugen zu machen. „Ja genau!“, denke ich.“Der Partner der keine Rumpfbeugen macht steht hierzu AUF Eurem Bauch, während ihr die Übung macht!“

Mir fällt das Kinn auf die Matte. Mit offenem Mund stehe ich da und traue meinen Ohren nicht. „Hab ich das richtig verstanden?“ Benjamin, ein Gelbgurt im Kyokushin Karate und langjähriger Schüler von Großmeister Tasev, ist mein Partner. Als ich Benjamin das erste Mal traf, erinnerte er mich spontan an Andi Hug, den so genannten „Blue eyed Samurai“. Benjamin erklärt mir nochmal was geht. er beginnt und ich stelle mich auf seinen Bauch und wir zählen 40!! Rumpfbeugen.

Ich wiege derzeit sportliche 82kg auf 1,95m. Der Mann ächzt unter der Anstrengung. Meine Reaktion ist: Ich will ihn entlasten – neben mir sagt jemand:“Nix da!“ Benjamin zieht durch. Nun bin ich an der Reihe. Mein Partner ist durchtrainiert und hat bestimmt 6kg mehr Masse als ich. Mein Rippenbogen bringt mich fast um, also bitte ich Benjamin sich entsprechend auf mich zu stellen, damit ich die Übung machen kann. Es geht los. Nach den ersten 20 habe ich einen Gedanken:“Das ist wie´ne umgekehrte Thaimassage!“ Ich muss lachen – das bringt mich komplett raus aus dem Rhytmus, AAAAH! Ist der schwer!! Nur noch 5! Ich bin erlöst. Zum Lachen ist mir nun nicht mehr. Witzig fand ich den Gedanken aber heute morgen auch noch.

Nach 2 Einheiten ist die Folter vorbei. Verfluchte Erdanziehung! Aber, ich habe es echt durchgehalten! Benjamin hilft mir hoch und klopft mir auf die Schulter! „Gut gemacht!“

Es folgt zur Lockerung Schattenboxen – jeder für sich. Darauf geht es an die Boxsäcke. Handschuhe an!

Kombinationstraining!

Großmeister Tasev verlangt vollen Einsatz! Egal ob Anfänger oder Profi. Niemand würde es wagen ihm zu widersprechen.

Ich sehe nur noch den Sack vor mir und höre Stimmen.

Völlig im Eimer. Mein Körper ist nur noch Schmerz. Meine Augen brennen vom Schweiss, meine schwache linke Schulter, durch die Aufwärtshaken, mein Rippenbogen, meine Fäuste trotz der Handschuhe, meine Beine, meine Haut, meine Haare – einfach alles. Großmeister Tasev ist nicht zufrieden. Wir zeigen nicht genug Einsatz.“Ihr müsst Euch vorstellen, wie Ihr durch den Sack haut! Jeder Schlag muss richtig sitzen. Zähne zusammenbeissen! Ihr atmet noch alle normal und alle stehen noch! Wie kann das 100% sein? Hier stimmt doch etwas nicht!“

„Du stehst viel zu nah am Sack, Sven! Du weisst ja gar nicht wo Dein Schlag ist. Wenn Du das so machst verbrauchst Du Deine ganze Kondition für nichts.“ Ich höre nur die Stimme. Nehme mit links Maß und hau drauf! Oizuki-Dezuki-Oizuki! BÄMM! Die Dinger sitzen so richtig! Ich stehe vor einer Ohnmacht, doch ich habe etwas gelernt!

Wer bremst verliert! Lernen am Limit!

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Meine Visualisation ist: Das ich diesen schwarzen Affen-Sack aus der Betondecke haue! Ich will das das Ding durch die Wand fliegt! Das der große Sack bei mir pendelt, so wie bei Alpay oder Benjamin. Ich bekomme langsam Vertrauen in die neue Technik – der kleinere Sack, an dem ich mit einem Partner zusammen übe, sieht jedenfalls bereits so aus als wäre er beeindruckt. Hähä!

Das ganze steigert sich in der Intensität noch um ein Vielfaches, aber alle halten durch.

Kurz vor dem Zusammenbruch, endlich eine Kurze Pause.

„Zum Abschluß etwas Lockeres. Das was Ihr eben am Sack gemacht habt, jetzt mit Gewichten. Ganz einfach.“

Ich höre die Worte – doch nichts in mir zeigt eine Reaktion darauf. Ich bin eine Maschine.

Man gibt mir 1kg Minihanteln – Alpay Karaman steht neben mir. Er hat in jeder Hand eine 3kg schwere Hantel. Ich komme mir vor wie ein Wurm. Alpay fragt in die Runde, warum er den nicht gleich 10kg Hanteln bekommt? „Komm Alter! Wir ziehen das jetzt voll durch!“ sagt Alpay zu mir.

Ein Kombinationstraining bis 10. Dann runter. Liegestütze. Auf die Beine. Immer wieder. Hoch und runter. Alpay schreit neben mir – ich genauso. Unglaublich dieses brennen in den Armen! Alle stöhnen und jaulen unter dieser Anstrengung. Wenn einer verkackt müssen alle nochmal von vorne!

Es ist der pure Wahnsinn! Das ich überhaupt noch stehe!

Ich bin selbst Ausbilder und ich verlange nichts von mir anvertrauten Menschen, das ich nicht selber leisten kann! Leider verschiebe ich diese Grenze gerade – höchstwahrscheinlich sehr zu ihrem Leidwesen (eigentlich: Vorteil).

Nach dem Abgrüßen sind wir endlich erlöst! Großmeister Tasev ist zufrieden mit uns. Ich bin stolz darauf, das ich heute so gut mitgehalten habe.

Bald darf ich einen Platz in dieser kleinen, aber doch exklusiven, Gemeinschaft einnehmen.

Der Wille entscheidet.

Osu.

Wie es weitergeht? DAS lest Ihr am Mittwoch – nur auf German Fightnews! Bleibt gespannt.

Euer Ushi-Deshi

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