Prolog.

Ein weiser Mann erzählt seinem Sohn folgende Geschichte:

„Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf zwischen 2 Wölfen.

Der eine Wolf ist böse. Er kämpft mit Ärger, Neid, Eifersucht, Sorgen, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst.

Der andere Wolf ist gut. Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.“

Der Sohn fragt: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“

Der Vater antwortet ihm: „Der, den du fütterst.“

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In der Sportschule Chikara, in Berlin-Schöneberg trainiere ich als Anfänger unter Welt- und Europameistern Kyokushin Karate. Eine der härtesten Formen des Karate überhaupt. Mehr als 70 Welt- und Europameister hat diese Schule hervorgebracht. Selbst habe ich noch nie an einem solchen Wettkampf teilgenommen – zur Zeit der Dinosaurier, war ich einmal ein ganz passabler Leichtathlet und ein Ju Jutsuka (Grüngurt). Doch das ist alles nichts im Vergleich zu der Aufgabe, der ich mich jetzt stelle. In einer mir unbekannten Kampfsportart, dem Kyokushin Karate, möchte ich den Gelbgurt erreichen und somit mein erstes Kumite erfolgreich durchstehen, ob ich danach noch mehr erreichen kann? Wir werden es sehen.

Eine krasse Herausforderung.

Alle Eigenschaften eines Schiffsmastes sind mir zu eigen: Groß, schlank, unbeweglich.

Leider bin ich zu unflexibel und nicht einmal annähernd so hart. Meist liege ich auf dem Boden, weil das Training mich einfach fertig macht.

Ich bin sehr ungeduldig mit mir selbst.
Es ärgert mich, das ich nicht besser mithalten kann – doch ich respektiere die Jugend meiner Mitschüler und die Erfahrung meiner Meister.

Der Kalender macht vor niemandem halt!

Seit Wochen tun mir die Knochen weh und doch gehe ich immer wieder dorthin. Ich mache keine Fortschritte und gehe doch immer wieder hin und lasse mich zusammenballern. Dafür habe ich bereits Kopfschütteln geerntet. Mir dämmert es, das wesentlich mehr für einen Kämpfer auf diesem Niveau dahintersteckt, als „bloß“ Training. Ein Mann oder eine Frau muss „brennen“ für diesen Sport.

Das tue ich.

Mein Wille wächst mit jedem Mal, wenn sie mich wieder auf die Matte schicken. Niederlage auf Niederlage muss ich wegstecken.

Doch ich gebe nicht auf

Bei seitlich ausgestellten Tritten fühlt sich meine Hüfte an, als würde sie auseinanderreissen. So unbeweglich! Stahlträgerstyle! Wäre ich doch nur auch so hart! „Das kommt mit der Zeit.“ Sagen alle im Dojo.

Wenn ich nur nicht so ungeduldig wäre.

Meine Techniken sind immer noch Scheisse. Kleinste Verbesserungen, wie den Kopf und den Oberkörper endlich einmal aufrecht zu lassen und nicht so breit zu stehen, haben mich viel Zeit gekostet! Dann die Low-Kicks. Treten kann ich wie ein Pferd – nur eben nicht richtig – technisch sitzt das Ding immer noch nicht?! Der Low-Kick ist eine Basistechnik, ich muss ihn meistern, sonst komme ich nicht voran. Schlagtechniken, mit Tritten zu kombinieren ist in einem Kampf elementar.

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Dort soll ein Kämpfer sie kreativ anwenden.

Im Moment suche ich nach geeigneten Methoden die Techniken alle im Kopf zu behalten. Prägungslernen durch Schmerz reicht anscheinend nicht.

Traum und Realität müssen im Einklang sein. Es nützt mir nichts voller Elan zu sein, aber darüber zu vergessen, was wichtig ist: Basisarbeit!

Ausdauer und Flexibilität.

Als Beispiel habe ich gestern einen Sprungkick ausgeführt für den ich nicht mal springen müsste, wäre ich nur endlich flexibel genug. Mit meinen 1,95m Körperhöhe, trete ich normalerweise meinen Partnern locker über den Kopf weg. Sehr komfortabel ist meine Reichweite – ein Kernpunkt meiner bisherigen Lehre: Distanz. Lerne ich sie zu nutzen, bin ich bereits im Vorteil.

Der Low-Kick ist gar nicht soo schwer, eigentlich. Technik ist alles. Ich habe nicht viel Körpermasse zur Verfügung die ich einsetzen kann. Doch auch meine aktuell: 83kg reichen wenn ich nur endlich die Technik berherrsche.

Mit einem gut platzierten Kick kann ein Profisportler im Kyokushin Karate, Knochen brechen. Das ist Realität.

Wie es sich anfühlt so einen Tritt mal abzufangen, kann man auf einem Pferdehof erleben.

„Hast Du eine Technik 1000x geübt, dann bist Du ein Schüler. Hast Du die Technik 10.000 Mal geübt, bist Du auf dem Weg ein Meister zu werden.“ Ōyama Masutatsu.

Ich bin ganz einfach zu schwach, mich zu wehren UND zu nehmen.
Mein Wille und so, sind ok denke ich, doch ich bin noch kein guter Trainingspartner, geschweige denn ein Gegner.

Mein linkes Bein gehört nicht mehr zu mir – gleiches gilt für meine Schienbeine und noch andere Körperteile. Die vergangenen Nächte waren ausserirdisch und lassen mich erahnen, was mich noch erwarten wird.

Nachdem ich in einem Sparring unter Gelbgurten nicht mehr in Normalauslage kämpfen konnte, habe ich es so gut ich noch konnte „auf links gedreht“ und weitergemacht. Die Schmerzen, die ich bei den verzweifelten Versuchen zurückzukämpfen erleben musste, kann man mit Worten nicht beschreiben. Mein linkes Bein ist mehrmals unter mir weggesackt und ich lag auf der Matte.

Aufstehen war noch nie so schwer und so unfassbar schmerzhaft.

Abhärtung ist ein Teil der Lehre des Kyokushin Karate und ich habe bislang geglaubt, das ich gut mithalte.

Dann durfte ich von Meister Andre´ lernen.

Wir waren nur zu viert an diesem Trainingstag. Wer hier denkt das es dann gemütlicher wird, sollte wirklich zu Hause bleiben und „Wii -Yoga“ anwerfen.

Oder, wie Meister Andre´ sagen würde:“Wenn Dir das zu viel ist, leg Dich in die Ecke da hinten und lutsch am Daumen!“

Meister Andre´ ist ein gnadenloser Ausbilder. Immer fair, doch hart wie ein Stein. Ich kam mir vor, wie zu meiner Grundausbildung beim Militär. Absolut strukturierter Ablauf. Keine Gnade – aufgeben gibt es bei Meister Andre´ nicht, wir müssen die Übung wiederholen, wenn einer von uns nicht durchhält!

Dreimal sorge ich dafür.

„Ja klar! Macht doch wie Ihr wollt. Mir ist das scheissegal – ich bin fit. Je mehr Ihr falsch macht, um so schneller seid Ihr das auch, versteht Ihr?“ so Meister Andre´.

Wir schreien, heulen fast – so sehr quält uns Meister Andre´. Mit einfachsten Übungen!! „Das ist Kinderturnen! Und Ihr könnt nicht mehr.“ — Er hat recht.

In den Augen meiner zwei Mitschüler erkenne ich leichten Zweifel an den harten Methoden von Meister Andre´ – ich sehe genau wie sie nachdenken, irgendwas passt ihnen nicht. Ich weiß genau, was in ihren Köpfen vorgeht. Zu oft habe ich, als militärischer Ausbilder, in dieselben Gesichter geschaut.

Alle hassen es – aber niemand sagt ein Wort.

Meister Andre´, weiß wie man Krieger baut!

Alles beginnt im Kopf. Wer im Kopf stark ist – gewinnt einen Kampf bereits bevor er begonnen hat.
Ein Gegner kann stärker sein als ich, aber wenn ich es schaffe ihm meinen Willen aufzuzwingen indem ich nicht aufgebe, dann werde ich gewinnen.

Mein Wille, zerstört die Hoffnungen meines Gegners auf den Sieg.

Das ist Meister Andre´s Strategie.
Er bringt uns an den Rand der Verzweiflung durch diese Technik.
Er weiß, genauso wie ich, wenn man einen Mann im Kopf gebrochen hat – kannst Du mit ihm machen was du willst.
Er testet mich mehr als mir lieb ist.

Er will das ich aufgebe!

Mein Vorteil ist: Ich kenne die Lösung!
Diese Aufgabe kann niemand gewinnen, weil die Regeln durch Meister Andre´ gemacht werden.
Wenn ich standhalte, wird er einen anderen Weg suchen mich zum Aufgeben zu provozieren.

Er ist sehr gut in dem, was er macht.

Das Kombinationstraining am Sandsack ist eigentlich ganz einfach, wenn der Puls aber nicht unter Leistungspuls geht, fällt das Denken doch etwas schwerer.

Ich mache Fehler. Fehler die ich sofort bezahlen muss.

Meister Andre´ zeigt eine Übung und fragt, ob wir verstanden haben?!
Ouss! Rufen wir!

Drei Schläge und ich kann mir die Reihenfolge nicht merken.
Meister Andre´unterbricht mich sofort.“Sven! Was ist los? Warum sagst Du zu mir Du hast verstanden? SO, soll das aussehen, was hast Du gemacht?“

„Alles falsch, Meister!“
„Richtig, Sven! Alles falsch! Runter 20 Liegestütze!“

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Meine Arme fühlen sich an wie Brennstäbe! Ich komme nicht mal mehr runter, geschweige denn hoch! „Planking“ nennt sich das wohl, was ich mache. Meister Andre´ setzt sich auf meinen Rücken! Ganz langsam sacke ich ein! Ich kämpfe mit all meiner Kraft dagegen!

Ich lasse mich nicht brechen!

Mitt all meinem Willen stemme ich mich gegen die Abwärtsbewegung – ich schreie meine Wut heraus!

Meister Andre´ lässt endlich ab!

„Ran an den Sack – Kampfstellung!“

Die ganze Zeit Leitungspuls! Meister Andre´ist wie ein Pitbull Terrier, er lässt einfach nicht locker. 1,5 Stunden Schnappatmung, immer kurz bevor ich umzukippen drohe, macht er Pause. Nur um dann das Gaspedal wieder voll durchzutreten!!!!

„Das Baby“, so nennt mich Meister Andre´- weil ich rumschreie wie ein Baby.
Er fordert mich mehrfach auf, in die Ecke zu gehen und am Daumen zu lutschen.

„Du brichst mich nicht!
Du nicht!“

Letztendlich, will auch Meister Andre´ nur das Beste für mich.
Ist er nicht hart zu mir, was passiert wenn ich einem starken Gegner gegenüber stehe?
Wie sehr Meister Andre mich mag, zeigt sich bei den letzten Liegestützen:

Er steht neben mir und tritt mir bei jeden Lift-up in die Seiten. Ich glaube es kaum!
Ich bin angespannt, da kann nix passieren – aber seltsam ist das Gefühl schon.
Beim ersten Mal tritt er mir auf den angeschlagenen Rippenbogen – das ich ich in die Ecke fliege.

Ich kläre ihn auf, WO das Problem liegt.
Kein Problem! Meister Andre´kann sehr zielgenau treten.
Also mache ich Liegestütze und werde dabei getreten.

Die folgenden Low-Kick Übungen am Sandsack sind eine neue Dimension im Bereich auszuhaltender Schmerzen!

Meine Schienbeine fühlen sich an als wären es offene Brüche!

Meine dünne Hose schmerzt auf der Haut! Ich schmeisse Low-Kicks an den Sack.
Ich versorge mich selbst mit den nötigen Impulsen im Hirn. bis ich nicht mehr stehen kann! Als ich meine Beine nicht mehr benutzen kann nehme ich die Fäuste, Kniee, Ellenbogen.

Der Sack vor mir, pendelt! Ich lebe gerade in einer Zwischendimension, ich kann nichts denken. Was ich mache weiß ich nicht.

Doch der 120kg Sack vor mir pendelt.

Als ich am großen Sack nicht mehr arbeiten kann, schiebt mich Meister Andre´an einen kleineren.

Am Ende des Trainings, bin ich so fertig, das selbst einfachste Koordinationsübungen nicht mehr funktionieren.

Als wir endlich abgrüssen, falle ich auf meine Kniee.

Hurra! Ich lebe noch.

Natürlich fragen mich die Leute, ob ich nicht einen an der Waffel habe? Mich mit halb so alten, erfahreneren Kämpfern messen zu wollen.

Hier liegt schon der erste Irrtum:

Ich messe mich mit niemandem!
Ich lerne!
Wie ein Kind.
Kinder sind ohne Vorurteile oder Ziele und reinen Herzens.

Hätte ich das Dojo mit einer solchen Einstellung betreten, dann hätte man mich nach Hause geschickt. Rambos haben bei Großmeister Tasev nichts zu suchen. Jeder seiner Schüler repräsentiert die Sportschule Chikara auch nach Aussen! Daher wird auf gutes Benehmen der Schüler, ausserhalb des Dojos, großer Wert gelegt.

Mich erreichten auch Fragen zum Thema Meisterschüler.

Das kann man googeln und bei Wikipedia findet man dann auch die Bedeutung dessen, was Ushi-Deshi meint.

Ihr werdet einige Unterschiede zu dem feststellen, was ich hier schreibe. Mir wurde die Ehre zuteil, von einem Großmeister als sein Schüler, in seine Gruppe, eingeladen zu werden. Verschiedene Meister im Kyokushin Karate, unterrichten mich seither in dieser Kampfkunst.

Warum mache ich das?

Warum gehe ich immer wieder dorthin, obwohl ich weiß das ich wieder nur zusammengehauen werde und noch ewig brauche, um einen eigenen Level zu erreichen? „Wenn für Dich kein Ziel dahintersteckt und Du kein Geld dafür bekommst, warum tust Du Dir das an?“, wurde ich gefragt.

Nun, diese Antwort ist leicht: Der Weg ist das Ziel.

Schaut Euch um in der Welt. Nur Streit und Zank! Jeder gegen Jeden. Wohin man sieht. Richtig und Falsch, haben sich noch niemals so gut verkleidet. Hören-sagen bestimmt den Tag. Eben denken wir noch:“Genial!“ nur um in der nächsten Sekunde festzustellen, das wir Vollidioten sind! Fakten sind keine Fakten mehr, bald kann man seinen eigenen Augen und Ohren nicht mehr trauen! Daraus folgt Unsicherheit. Die Menschen in der Sportschule Chikara  haben mich von der ersten Sekunde an so herzlich aufgenommen, wie einen verlorenen Sohn – so als wäre ich nur lange Zeit weggewesen!

Glauben wir das, was wir sehen? Oder: Sehen wir das, woran wir glauben? Diese Frage beantworte ich mir selbst mit einem Satz meiner Großmutter:“Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ waren ihre Worte – ich habe das immer beherzigt. Natürlich glaubt auch ein Nordmann, wie ich, an eine höhere Macht, als uns, den Menschen.

Jede Geschichte ist es wert erzählt zu werden.

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Schloss Bellevue in Berlin.

Ihr lest ja auch nicht meine Geschichte, sondern eine in der ich zufällig vorkomme. Es ist eine Geschichte über Menschen. Was Ihr nicht wisst: Ich bin ein parlamentarischer Berichterstatter, hier in der Hauptstadt. Echt wahr. Fakten zu recherchieren ist mein Job. Allgemeinhin findet Ihr von mir nur Berichte im Netz, die ich zu 100% verantworten kann, weil ICH die Tatsachen selbst für meine Leser herausgefunden habe. Journalistische Basisarbeit nennt man das. Wer Sensationen lesen will, muss sich mit der Zeitung mit den vier Großbuchstaben begnügen. Selber losgehen und mal nachfragen – DAS ist voll mein Ding!

In Zeiten des „Wahnsinns“, brauchen wir Menschen positive Geschichten. Sie lassen uns Mut fassen und korrigieren den Stress des Alltags, bestenfalls, auf ein normales Maß zurück.

Zumindest für einen Moment lang.

Jedem Menschen dem ich einen Moment Ruhe oder ein Lächeln schenken kann, ist ein entspannter Mensch mehr, oder nicht?

„Erzählst Du mir eine Geschichte?“ fragen Kinder heute nicht mehr allzuoft.

Doch denen die fragen, erzähle ich gerne eine Geschichte.
Die spannende Geschichte eines Abenteurers.

So wie früher, als wir noch Kinder waren.

Wie sie weitergeht erfahrt Ihr hier. Wo? Nur auf German Fightnews.

Osu.

Euer Uchi-Deshi

 

内弟子

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