Uchi – Deshi – Die Herausforderung

Hallo Freunde des Kampfsports!

Mir dröhnt heute der Kopf.

Der Vatertag wird traditionell mit Wein, ohne Weib, schrägen Gesang und Handwagen-Disko begangen. Mein Brummschädel hat jedoch andere Hintergründe. Doch egal, wie: Verdient ist verdient.

chikaraSeit rund 150 Tagen bin ich ein Schüler des Kyokushin Karate. Ihr verfolgt meine Fortschritte hier auf German Fightnews und mittlerweile konnte ich viele verschiedene Aspekte des Kyokushin Karate kennenlernen, habe Euch meine Erfahrungen aufgeschrieben und festgestellt, das neben einer gehörigen Portion Mut auch ein unerschütterlicher Wille und Glauben an sich selbst dazugehört. Sicher: Manchmal habe ich mir die Regenerationskraft eines Wolverine herbeigesehnt, da Leistungssport einem ja doch so einiges abverlangt.

In einem eher unwahrscheinlichen Lebensabschnitt, habe ich mit Kyokushin Karate begonnen. Mehr als 70 Welt- und Europameister hat die Sportschule „Chikara“, in Berlin-Schöneberg, bereits hervorgebracht. Dort werde ich unterrichtet. Trainieren mit Weltmeistern! Selbst habe ich nie solch eine Kampfsportart trainiert oder habe gar an Wettkämpfen teilgenommen – in der Vergangenheit war ich, wie erwähnt, Leichtathlet und habe Ju Jutsu betrieben.

Meine Erlebnisberichte geben genau das wieder was ich ich erlebt habe und sind sehr dynamisch gehalten. Mittlerweile bin ich an dieser Aufgabe gewachsen und habe an innerer Ruhe dazugewonnen. Ruhe ist eine notwendige Begleiterin für das Bestehen eines Kumite. Standhaft bleiben im Angesicht der Bedrohung, das ist mein nächstes Lernziel. Kann ich Ruhe bewahren, teile ich mir auch meine Kräfte sorgsamer ein. Da Kondition mein größter Gegner ist, muss ich also anders herangehen, will ich das Kumite bestehen.

„Was ist Karate? Was bedeutet eigentlich Karate?“ waren Fragen, denen ich zu Beginn nachgegangen bin. Da gibt es prima Bücher. Das Schriftzeichen „KARA“ meint „leer“. „TE“ sei das chinesische Schriftzeichen für „Hand“. Es bedeutet also sinngemäss soviel, wie:“leere Hand“ bzw. „ohne Waffen“. Beim Querlesen einiger Literatur kam ich zu dem Schluss, das diese Wortwahl auch gut in einen Gedichtband passen würde. Karate ist sowohl eine (Kampf-)Kunst, wie auch eine (Lebens-)Philosophie. So interpretiere ich den Begriff des „Karate-DO“ nicht ausschließlich als „Weg der leeren Hand“, sondern als „Weg für alle/jedermann“, im Sinne von: Durch jedermann erlernbar. In meiner Sicht auf die Dinge, entwickelt jeder Mensch eine von seinen Mitmenschen unterschiedliche Persönlichkeit. Das lässt sich, wie ich finde, durchaus auch in den unterschiedlichen Formen des Karate wiedererkennen. Auf einer solchen Basis gründeten die Karate-Meister ihre eigenen Schulen, in denen sie ihre Form des Karate und ihr Verständnis an ihre Schülerinnen und Schüler weitergeben.

Kyokushin, bedeutet sinngemäß:“Absolute Wahrheit“.
Osu, soviel wie „niemals aufgeben“.

Die Schule des Kyokushin wurde gegründet durch Masutatsu Oyama.

Shihan Masutatsu Oyama wurde 1923 in der Nähe von Seoul (Süd-Korea) geboren. Mit neun Jahren begann er Judo zu erlernen. Im Alter von 12 Jahren kam er nach Japan, wo er die Universität besuchte. Nach dem Abschluss des Judo-Studiums, wurde er ein Schüler des Karate von Gichin Funakoshi. Er machte dabei so schnelle Fortschritte, dass er im Alter von 17 Jahren den 2. Dan und mit 24 Jahren bereits 4. Dan erlangte.

Nachdem er sich entschlossen hatte, den Rest seines Lebens der Lehre des Karate zu widmen, verbrachte er die nächsten Jahre abseits der menschlichen Gesellschaft. Er lebte in Klöstern und in den Bergen, wo er sich Tag und Nacht den physischen Anforderungen, die die Kampfkünste stellen, widmete. Er kämpfte gegen wilde Tiere, zerschmetterte Bäume und Steine mit seinen blanken Händen und meditierte unter eisigen Wasserfällen. Einen wilden Stier besiegt zu haben, mit der Kraft seiner blanken Fäuste, ist noch immer legendär.

Dieses starke Erbe lebt im Kyokushin Karate fort.

Bruchtests haben einen festen Platz im Kyokushin Karate und einige Meister praktizieren diese auch in ihren Schulen. Baseballschläger, Steine, Dachziegeln, Eisblöcke und Bretter werden durchschlagen und zeigen die harten physischen Fakten einmal eindrucksvoll auf. Wer Kämpfen des Kyokushin zugesehen hat, auf Meisterschaften oder ähnlichen Events, hat eventuell festgestellt, das es weniger laut zugeht als man denken würde. Eher leise geht es im Kumite zu, die, die es zumeist nicht auf den Sitzen halten kann sind die Zuschauer und Fans dieser Kampfsportart. Man muss sich näher mit diesem Sport beschäftigen, um hinter sein Geheimnis zu gelangen.

Die Schläge seines Gegners mit Gleichmut, standhaft hinnehmen zu können ist eine der Lehren, daher die kontrolliert wirkenden Kämpfe. Welche Kräfte jedoch tatsächlich wirken können, sieht ein Mensch allerdings erst bei so einem Bruchtest. Mein Shihan, Großmeister Tasev, beherrscht sowas auch. Seine Fäuste sind stahlhart, das habe ich am eigenen Leib erfahren dürfen. Zwei Schlägen habe ich standgehalten – danach war ich für zwei Wochen bedient. Um diesem Beispiel nachzueifern, habe ich mit einem Baum trainiert und dieser brach mir fast den Fuß.

Bedauerlich. Doch ich gebe nicht auf. Hingabe ist der Schlüssel zum Erfolg.

Mittlerweile habe ich Karate erfolgreich in meinen Tagesablauf integriert, das ist ein wichtiger alpay svenPunkt. Hobbys kann ein Mensch viele haben, wer sich für Vielseitigkeit seiner Freizeit entscheidet und alles ausprobiert, dem wird sicher nie langweilig, doch sollte man sich tiefer und für nur einen Sport entscheiden. Anders: Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Nur durch Hingabe beim Lernen bekommt eine Tätigkeit auch Hand und Fuß.

Ganz oder gar nicht! Doch das ist meine persönliche Einstellung.

Das kann auch bedeuten, das man zu unmöglichen Zeiten oder an ungewöhnlichen Orten trainiert. Egal ob zu Hause, auf dem Spaziergang oder im Dojo. Ruft der Meister zu einer Stunde, sollte jeder Schüler diese Gelegenheit nutzen. Sofern wichtige Gründe das nicht verhindern. Man kann Sport ganz locker in den Tagesablauf einbauen, nicht aber den Alltag in den Sport integrieren. Selbst kann ich nicht immer an festen Tagen oder zu regulären Zeiten am Training teilnehmen. Doch ich bemühe mich meine Übungen täglich zu wiederholen, damit verschaffe ich mir Routine UND erhalte Entspannung. Eben weil ich etwas getan habe. Wenn also der Meister sagen wir, um 23:00Uhr zur Lehrstunde einlädt – versucht es unbedingt möglich zu machen.

Alte, eingefahrene Gewohnheiten zu durchbrechen, ist letztlich auch eine Art des Bruchtests.

Wie oft waren meine Oberschenkel schon von den Abhärtungseinheiten angeschlagen, das ich auf Staatsempfängen so schlimm rumgehumpelt bin, dass man mich sogar angesprochen hat:„Vollkontaktkarate? Ich würde mir so etwas nicht geben.“ ist nur eine Bemerkung hierzu, die ich öfter mal höre. Sie zeigt mir aber auch ein gewisses Maß an Bewunderung, was unter Umständen dazu führt, das man andere Menschen inspiriert etwas Neues zu probieren. Zumindest sehe ich immer wieder, wie diese Menschen sich kopfschüttelnd vorzustellen versuchen, WIE es wohl wäre, wären sie, ich.
Die Meisten kehren zu dem bequemen Leben zurück, das sie sich erarbeitet haben. Sie lachen zwar über mich, doch das geschieht wohl aus Verlegenheit. Mich hat mittlerweile die Aufregung des Anfängers verlassen und die Erkenntnis erreicht, das ich den Ereignishorizont eines mir feindselig gesonnenen und ungeübten Gegenübers, mit einem einzigen Tritt z.B.: auf den Oberschenkel oder einem Schlag auf die Brust in dem Bruchteil von Sekunden, massiv und sehr nachteilig verändern kann. Das macht mich nun nicht aggressiver, ganz im Gegenteil, dieses Wissen fördert meine Verantwortungsbereitschaft und unterstützt mein freundliches Wesen, weil ich viel selbstsicherer geworden bin.

Die vergangene „Nachtschicht“ im Dojo, war geprägt durch Selbstverteidigungstechniken. Klingt komisch? Ist aber so. Flexibilität im Kopf ist wichtig. Kyokushin Karate hat nicht viel mit klassischen Selbstverteidigungssystemen zu tun. Kyokushin ist eine harte Kampfkunst und die meisten Schulen, die es lehren, sind auf Wettkämpfen aktiv.

Ju-Jutsu, als Selbstverteidigungssportart besitzt defensive Techniken und braucht einen Angriffsimpuls von außen, um seine Effektivität zu entfalten. Die offensiven Techniken des Kyokushin Karate entsprechen solchen Impulsen. Daher kann man das hervorragend üben. Mit einem Hüftwurf angegriffen zu werden ist unwahrscheinlich, mit einem Hüftwurf auf einen derben Schwinger zu antworten, kann durchaus passend sein. Richtig ausgeführt sind der Hüftwurf oder ein Sichelwurf, sehr wirksame Abwehrtechniken auf einen Angreifer. Vor allem wenn dieser Fallschule, also das richtige Abrollen oder Fallen nie erlernt hat.

Mögliche Abwehrtechniken und deren Wirksamkeit zu studieren bereichert den Horizont eines jeden Kämpfers.

Nach dem „Warm-up“ durch Weltmeister Mustafa Nas, beginnen wir mit den Lektionen. Zuerst werden Vorwärts- und Rückwärtsrollen geübt. Wie gesagt, nicht jeder hat das schon gemacht, doch alles kann erlernt werden. Wir rollen uns durch das Dojo. Hin und zurück. Runde um Runde, bis die Bewegung sitzt. Die Bewegungsabläufe habe ich einmal intensiv erlernt, so dass sie in Fleisch und Blut übergegangen sind. Bei so manchem Fahrradunfall hier in Berlin, haben diese Fallreflexe dafür gesorgt das mir nichts Schlimmeres passiert ist. Hat man Übungen lange Zeit nicht praktiziert, wirkt man oft unbeholfen doch das menschliche Muskelgedächtnis ist wirklich phänomenal. Die erste Rolle die ich auf die Matte bringe, ist die erste für mich in einem Training seit 25 Jahren und sie sitzt, äh, rollt. Wir üben das, solange bis Großmeister Tasev die nächste Technik anweist. Rückwärtsfallen. Seitliches Fallen. Das ganze Programm. Fallschule beansprucht übrigens den gesamten Muskelapparat und da ist es nicht verwunderlich, das nach kurzer Zeit laute Motorengeräusche von uns Schülern zu hören sind.

Gut so.

Großmeister Tasev ist zufrieden mit unserem Einsatz. Einiges dreht sich zwar im Kopf – Hier und da pocht es auch kopfschmerzartig, wenn die Rolle oder der Fall nicht korrekt ausgeführt wurde, aber nichts das uns abschreckt. Großmeister Tasev schickt uns runter und befiehlt uns wieder auf die Beine, solange bis wir die Bewegungen verstanden haben. Wie wichtig sie sind zeigt uns die nächste Etappe: Würfe. Würfe sind die nächste Lektion heute. Ein gut platzierter Wurf kann einen Angreifer außer Gefecht setzen. Das lernen wir jetzt. Fehler machen sich schmerzhaft und sofort bemerkbar. Nach den Runden der Fallschule, knarzt es in meinem Gebälk jedenfalls deutlich hörbar und ich bin mir fast sicher das einige Rückenwirbel an ihren ursprünglichen Platz zurückgekehrt sind. Meine Blockade zwischen den Schulterblättern ist jedenfalls behoben. Jayy.

Meine Kondition macht diesmal auch nicht zu, sehr erfreulich.

Es sind auch Leute aus der privaten Sicherheitswirtschaft sind anwesend und trainieren mit uns zusammen. Personenschützer. Die Königsdisziplin im zivilen Wachgewerbe. Gerade in den waffenlosen Künsten, sollte ein Personenschützer gut unterrichtet sein wenn er mit Schutzbefohlenen arbeitet. Diskret und effektiv.

Wie effektiv so ein Wurf sein kann, demonstriert Großmeister Tasev zusammen mit Weltmeister Mustafa Nas. Erstaunte Blicke werden ausgetauscht, nachdem Sensei Tasev, Mustafa nach einem Körpertritt, mit einer großen Aussensichel und schweren „Rumms!“ auf die Matte schickt.

Das ging so schnell, das Meister es noch zweimal vormachen musste damit wir die Bewegung nachvollziehen konnten.

Gar nicht so einfach.

Nach unzähligen Runden tun mir alle Knochen weh. Meine Ellenbogen und Kniee, schmerzen wirklich episch. Selber Schuld wenn man nicht richtig fallen kann. Dabei dachte ich bislang das ich den Boden des Dojos bereits gut kenne.

Falsch.

Nach anderthalb Stunden intensivstem Fallen, Werfen, Rollen und zahllosen Liegestützen nach 1-IMG_9167Fehlern, bin ich vollkommen im Eimer. Kaum lasse ich mich fallen oder werde geworfen, komme ich langsam kaum noch hoch. Alle Knochen tun mir weh. Rippen, Ellenbogen, Knie – einfach alles. Bei dem Blick in die Runde kann ich erkennen wir alle angeschlagen sind. Ein Wurf gelang meinem Trainingspartner Mustafa Nas so gut, das ich sehr hart aufschlug, so wie es sein soll. Was Mustafa nicht wußte ist, das ich von dem Baumtraining neulich einen angebrochenen Fuß habe. Ich wälze mich am Boden und kämpfe heftig damit das der Schmerz, der grade im Hirn ankommt nicht zum Brechreiz wird – das endet sonst übel. Wieder auf den Beinen, schüttle ich mich aus und wechsle die Auslage.

Kampfstellung.

Glücklicherweise funktioniert das, doch nach den Übungen die jetzt hinter mir liegen, bin ich froh wenn es endlich vorbei ist. Schmerzen sind eine ätzende Begleiterscheinung im Sport und stören die Konzentration erheblich. Großmeister Tasev verlängert unsere „Vatertag Nachtschicht“ um eine weitere Runde, dann haben wir es geschafft.

Fudor. In den Schmerz hinein atmen und auflösen.

Es war äußerst lehrreich auch mal eine andere Perspektive einzunehmen. Wir haben gelernt, das es erfolgreiche Abwehrtechniken aus anderen Systemen, gegen eine Vielzahl von Angriffen gibt, wie wirksam sie sind und wie man sie effektiv umsetzt.Wie ich im Anschluss jetzt mit dem Rad nach Hause kommen und morgen arbeiten soll ist mir zwar schleierhaft, doch ich bin froh darüber diese Stunde nicht verpasst zu haben und wenn mein humpelnder Gang andere eben zum Lächeln animiert, soll mir das doch recht sein.

Der Eine so, der Andere halt so.

 

Osu und bis bald.

Euer Uchi-Deshi

 

Wie es weitergeht, erfahrt Ihr hier. Nur auf German Fightnews.

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