Eine gute Veranstaltung in der Boxsporthalle Braamkamp in Hamburg

von Uwe Betker

KönigspalastAm 30. Mai 2015 gab es gleich zwei Premieren. In der ehrwürdigen Boxsporthalle Braamkamp in Hamburg fand die erste Profiboxveranstaltung von Holger Petersen statt, bei der es 9 Profiboxkämpfe zu sehen gab. Dann gab noch der ehemalige Schwergewichtler Konstantin Airich sein Debüt als Delegierter des BDB, um genau zu sein, als Zeitnehmer.

Den ersten Kampf des Abends bestritt im Schwergewicht Alexander Dimitrenko (37 Kämpfe, 35 Siege, 22 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO), der Ex-Europameister und Ex-WBO Intercontinental Meister, der seit März 2013 nicht mehr geboxt hatte. Er trat gegen Patryk Kowoll (19 Kämpfe, 3 Siege, 2 durch KO, 14 Niederlagen, 5 durch KO) an. Dimitrenko beherrschte seinen Gegner nach Belieben. Es war nur eine Frage der Zeit, wie lange der Kampf denn dauern würde. Mitte der ersten Runde ging Kowoll, in der neutralen Ecke nach einer nicht sehr hart aussehenden Kombination zum Körper das erste Mal zu Boden. Kurze Zeit später wurde er von einer Rechten an der Schläfe getroffen und ging, in derselben Ecke, wieder runter. Als er dann nach einem rechten Körperhaken wieder zu Boden ging, brach der Ringrichter den Kampf ab. Sieger durch TKO in Runde 1 nach 2:20 Minuten: Alexander Dimitrenko. Vermutlich bestritt Dimitrenko diesen Kampf nur, weil er seit einem Jahr nicht mehr geboxt hatte und deshalb auch nicht mehr in der Rangliste von boxrec gelistet war. Nun ist er wieder gerankt.

Eine ähnliche Intention verfolgte Özlem Sahin (20 Kämpfe, 19 Siege, 6 durch KO, 1 Unentschieden), die amtierende Weltmeisterin der WIBF und GBU im Minimumgewicht. Sie hatte seit Juni 2014 nicht mehr geboxt. Sie boxte, um in der Rangliste zu bleiben. Wie vor dem Kampf zu erfahren war, ging sie ein sehr viel größeres Risiko ein als Dimitrenko, weil sie zum einen mit einer Verletzung der linken Schulter in den Kampf ging und zum anderen, weil ihre Gegnerin, Claudia Ferenczi (58 Kämpfe, 10 Siege, 4 durch KO, 43 Niederlagen, 2 durch KO, 5 Unentschieden), zwar eine kurzfristige Ersatzgegnerin einer Ersatzgegnerin war, gleichzeitig aber zäh und unangenehm zu boxen ist.
Sahin begann verhalten. Sie punktete in der ersten Runde mit ihrer linken Graden und ihrem rechten Cross. Im zweiten Durchgang ging sie vermehrt zum Körper. Am Ende der Runde gab es eine schöne Aktion, wo sie erst links und rechts zum Körper durchkam und dann noch einen Aufwärtshaken setzte, der den Kopf von Ferenczi zurückschnellen ließ. Ab der dritten Runde wurde der Kampf immer härter, was wohl einer Verschlimmerung der Schulterverletzung von Sahin geschuldet war. Ferenczi ließ irgendwann die Deckung fallen, um zu beweisen, dass sie Volltreffer zum Kopf nehmen kann, ohne einzuknicken. Gleichwohl lag gegen Ende der sechsten und letzten Runde ein KO in der Luft. Ferenczi erreichte jedoch den Schlussgong. Punktsiegerin nach 6 Runden: Özlem Sahin.

Der zweite Frauenboxkampf, der nun folgte, war kürzer. Maria Lindberg (15 Kämpfe, 12 Siege, 6 durch KO, 1 Niederlage, 2 Unentschieden) traf im Super Weltergewicht auf die ungeschlagene Elene Sikmashvili (8 Kämpfe, 7 Siege, 3 durch KO, 1 Niederlage, 1 durch KO). Beide gingen von Anfang an ein hohes Tempo, und es gab viele Schlagabtäusche. Mitte der ersten Runde nahm Sikmashvili eine Rechte zum Körper, die sie einknicken ließ. Am Ende der Runde kam Lindberg dann mit einer schönen Rechten zum Kiefer durch, die Sikmashvili sichtlich erschütterte. Nur mit Mühe und Not erreichte sie, schwer nach Luft schnappend, die Pause. Im zweiten Durchgang suchte Lindberg den KO. Sie setzte ihre Gegnerin unter Druck und zwang ihr immer wieder den Schlagabtausch auf. Irgendwann traf sie mit einem rechten Haken das Ohr von Sikmashvili. Diese ging runter auf die Knie. Sie kam zwar wieder hoch, torkelte aber noch und wurde ausgezählt. Sieger durch KO in Runde 2 nach 1:20 Minmuten: Maria Lindberg.

Die dann folgenden zwei Kämpfe boten faustdicke Überraschungen. Loris Emiliani (12 Kämpfe, 10 Siege, 7 durch KO, 2 Niederlagen, 2 durch KO) und Moris Markowitsch (4 Kämpfe, 2 Siege, 1 durch KO, 1 Niederlage, 1 Unentschieden) traten im Halbschwergewicht gegeneinander an. Markowitsch, der bereits im Dezember 2014 gegen Phillipp Kolodziej für eine Überraschung gesorgt hatte, entwickelt sich zu einem Favoritenschreck.
Emiliani suchte über einen lockeren Jab in den Kampf zu kommen. Markowitsch ließ sich davon aber nicht weiter beirren. Bereits in der ersten Runde stellte er ihn mehrfach an den Seilen. Von Minute zu Minute wurde er stärker. In der dritten Runde hatte er seinen Gegner nahe am KO. Ein linker Körperhaken, gefolgt von einem rechten Cross ließ Emiliani wackeln. In der vierten Runde verlor er seinen Mundschutz. Sein Trainer, Khoren Gevor, nutzte die Auszeit, um seinen Schützling zu fragen, ob er den Kampf abbrechen solle. Nachdem Emiliani dreimal nicht antwortet hatte, warf Gevor das Handtuch, das er schon in der Hand gehalten hatte. Sieger durch TKO in Runde 4, nach 1:03: Moris Markowitsch.

Auch der nächste Kampf, im Superleichtgewicht, ging nicht für den Heimboxer aus. Tunahan Keser (7 Kämpfe, 4 Siege, 3 durch KO, 2 Niederlagen, 1 Unentschieden) und Dinars Skripkins (4 Kämpfe, 2 Sieg, 2 Niederlage, 2 durch KO) trafen aufeinander. Keser zeigte schnelle Beine, lässige Posen und praktisch keine Deckung. Er versuchte, seinen Gegner auszutanzen, was ihm aber nur sehr bedingt gelang. Skripkins nutzte seinen Reichweitenvorteil. Er hielt sich seinen Kontrahenten mit der Führhand vom Hals und kam mit zunehmender Kampfdauer immer häufiger mit seiner rechten Graden oder einem rechten Cross zum Kopf durch. Khoren Gevor versuchte, seinen Schützling Keser nach vorne zu treiben. Aber der Kampf ging komplett an Keser vorbei. Im Laufe der dritten Runde zog er sich noch einen Cut unter dem linken Auge zu, der aber keinen Einfluss auf den Ausgang des Kampfes hatte. Am Ende des Vierrunders stand ein klarer Punktsieg für Dinars Skripkins.

Eine kleine Anmerkung am Rande: Alle Urteile waren korrekt. Die Punkt- und Ringrichter des BDB zeigten alle eine gute und souveräne Leistung.

Steven Vincent (4 Kämpfe, 4 Siege, 2 durch KO) und Reinis Porozovs (6 Kämpfe, 3 Siege, 2 durch KO, 3 Niederlagen, 2 durch KO) maßen im Schwergewicht ihre Kräfte. Vincent wirkte, als ob er mit angezogener Handbremse boxte. Dadurch machte er sich das Leben unnötig schwer. Es gab nur wenige Aktionen und am Ende der vier Runden stand ein knapper Punktsieg für Steven Vincent.

Der siebente Kampf war der kürzeste Kampf des Abends. Rafael Bejaran (19 Kämpfe, 17 Siege, 9 durch KO, 2 Niederlagen) und Eduards Gerasimovs (11 Kämpfe, 6 Siege, 6 durch KO, 4 Niederlagen, 4 durch KO, 1 Unentschieden) traten im Supermittelgewicht gegeneinander an. Bejaran ging sehr schnell ans Werk. Schon bald hatte er seinen Gegner an den Seilen gestellt und kam mit einem rechten Cross zum Kinn durch, der Gerasimovs ins Torkeln brachte. Der landete schließlich in seiner eigenen Ecke, wo er dann nach einem rechten Körperhaken zu Boden ging und angezählt wurde. Er stellte sich zwar noch einmal zum Kampf, wurde aber in Bejarans Ecke erneut gestellt. Eine schöne Linke zum Kopf fällte ihn endgültig. Sieger durch KO in Runde 1 nach 1:25 Minuten: Rafael Bejaran.

Der folgende Kampf im Cruisergewicht war nur unwesentlich länger. Giorgi Tevdorashvili (37 Kämpfe, 20 Sieg, 12 durch KO, 14 Niederlagen, 6 durch KO, 3 Unentschieden) hatte erhebliche Probleme mit der Rechtsauslage von Agron Smakici (8 Kämpfe, 8 Siege, 7 durch KO). Zweimal wurde er mit der Linken abgekontert, indem er in den Schlag hineinlief und den Schlag mit der Stirn nahm. Beide Male ging er zu Boden. Beim zweiten Mal wurde er ausgezählt. Sieger durch KO in Runde 1 nach 1: 44 Minuten: Agron Smakici.

Den Hauptkampf des Abend bildete der Auftritt von Abel Gevor (10 Kämpfe, 10 Siege, 5 durch KO). Er boxte im Halbschwergewicht gegen Kiril Psonko (52 Kämpfe, 15 Siege, 10 durch KO, 35 Niederlagen, 11 durch KO, 2 Unentschieden). Es gibt eine Art Mantra bei seinen Kämpfen: „Abel Gevor ist ein toller Techniker, aber er hat keinen Punch.“ Gevor boxte präzise und schnell. Er punktete schön mit seiner rechten Führhand. Aber seine linke Schlaghand erzielte keine Wirkung. Psonko, selbst ein guter Techniker, merkte schnell, dass er gegen die überlegene Technik von Gevor keine Chance hatte und beschränkte sich auf Schadensbegrenzung Am Ende der 6 Runden stand ein eindeutiger Punktsieg für Abel Gevor.

Mein Fazit: Die erste Veranstaltung von Holger Petersen war gelungen. Sie war wirklich unterhaltsam, es gab gute Kämpfe zu sehen, es gab mehrere Überraschungen und – keine Heimurteile. Zwei weitere Veranstaltungen sind bereits in Planung. Man kann nur hoffen, dass Petersen weitermacht.

(C) Uwe Betker

 

 

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