MMALERAnfang der 90er Jahre wurde eine Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, die solch eine Bewegung in der Kampfsportszene auslöste, mit einer Tragweite, von der deren Schöpfer Davie Rorian und John Milius nicht mal zu träumen gewagt hätten. Na klar, die Rede ist selbstverständlich von der UFC. 

Der Ur-Gedanke dieses Acht-Mann-KO-Turniers war es herauszufinden, welche Kampfkunst, welcher Kampfsport bzw. welches SV-System allen anderen überlegen war. Und JA, es gab wirklich nur ein sehr, SEHR limitiertes Regelwerk. Selbst das Haare ziehen, Kopfnüsse und Tiefschläge und –tritte waren erlaubt (nicht, dass gleich wieder ein WT’ler kommt und sagt, sie wurden in ihren ursprünglichen und effektivsten Techniken beschnitten…).

Wer erinnert sich hier nicht an das Finale zwischen Royce Gracie und Gerard Gordeau, als Gracie nach nur 1:45 Minuten via Submission zum Sieger gekrönt wurde? Der noch bis dato unbekannte Kampfsport namens Brazilian Jiu Jitsu (BJJ) bekam seither immer mehr Aufmerksamkeit und genoss immer mehr an Ansehen bei Kampfsportlern, -künstlern und SV‘lern.

Die damaligen Striker (also Standkämpfer, überwiegend Boxer, Kickboxer, Muay Thai-Kämpfer und Karateka) begriffen sehr schnell, dass sobald es in die verkürzte Kampfdistanz ging, sie ihre Schläge und Tritte, Kniestöße und Ellbogen nicht mehr effektiv anwenden konnten. Hinzu kam noch, dass sobald der Kampf auf den Boden verlagert wurde, sie sich unbeholfen vorkamen, wie die Schildkröte auf dem Rücken. Buchstäblich. So begannen auch sie, die allgemein noch recht unbekannte Welt der Takedowns, aber insbesondere die des Bodenkampfes für sich zu entdecken und in weiteren UFC-Veranstaltungen deren Techniken mit in ihren Stil einfließen zu lassen. Diese Entwicklung bei den Strikern brachte die damaligen Grappler (also Griff- und Bodenkämpfer, überwiegend BJJ‘ler, Ringer und Judoka) wiederum in Zugzwang. So mussten auch sie ihre Defizite im Standkampf ausbügeln, damit sie weiterhin wettbewerbsfähig blieben. Die jeweiligen Kampfsportarten wurden miteinander vermischt, wo die effektivsten Techniken der jeweils anderen Gebiete in den eigenen ursprünglichen Kampfsport mit einflossen.

Parallel zu der technischen Entwicklung machte sich eine weitere Veränderung bemerkbar. Es kamen nämlich immer mehr Wettkampfregeln in Form von Restriktionen, einer regulierten Wettkampfdistanz (limitierte Rundenzeiten und Rundenzahlen), bis hin zur Schutzausrüstungspflicht und Kleidungsvorschrift (Zahnschutz, 4 oz Handschuhe mit freien Fingern, Tiefschutz, kurze Shorts und Oberkörper frei) bei der UFC hinzu, um der Kritik der Medien gerecht zu werden – die UFC sollte schließlich weiterhin salonfähig bleiben. Diese Prozesse führten zu der Geburtsstunde einer Vermischung von Systemen, die reglementiert wurde und sich zu einer eigenen Sportart entwickelte. Heutzutage verbucht dieser neue Kampfsport das größte und schnellste Wachstum in der Kampfsportszene und genießt immer mehr an Beliebtheit und Popularität bei Zuschauer und Kampfsportler gleichermaßen.

alleine durch den Titel des Artikels wird es mir an dieser Stelle nicht mehr gelingen, Spannung aufzubauen, denn alle wissen, wovon hier die Rede ist: Es war die Geburtsstunde von den Mixed Martial Arts (MMA), zu Deutsch „gemischte Kampfkünste“. Entsprechend heißen die Athleten, die diesen Kampfsport betreiben MMA’ler.

Es gibt Athleten, die beginnen direkt ihre sportliche Laufbahn mit MMA, viele jedoch wechseln rüber aus anderenmmaler2 Kampfsportarten zum MMA. Hier spricht man dann vom Background, den sie mitbringen. Dennoch: ab dem Zeitpunkt sind sie MMA’ler!

Betrachten wir mal einen Kampf aus emotionaler Sicht: was bedeutet eine Kampfsituation für den Kämpfer, dessen Körper und seine Psyche? Aufs Wesentliche heruntergebrochen: Stress! Es ist eine Stresssituation in reinster Form, wo Körper und Geist sich darauf einstellen, dem Gegenüber gleich weh zu tun und auch darauf, dass einem selbst ebenfalls wehgetan werden kann. Also Stress, ausgelöst durch eine Art von Angst, Aufregung. Jetzt mal Hand aufs Herz – welcher Kämpfer hat keine gewisse Angst vor einem Kampf bzw. ist nicht aufgeregt? JEDER kennt dieses Gefühl. Da können noch so harte Klopper kommen, auf die Kacke hauen und sagen „Pfff…. Angst?! ICH?! Denkst Du, ich bin ne Weichflöte…?!“. Also entweder flunkern sie so ein bisschen, um nicht zuzugeben, dass auch sie wenigstens ein wenig Angst haben (was in den meisten Fällen die Regel ist), oder bei ihnen stimmt was mit dem Kopf nicht…

Aber zurück zum Thema. Welche Auswirkung wiederum hat diese Aufregung, ausgelöst durch die Angst, auf die Leistung im Sport, besonders betrachtet im MMA? Richtig. Man verfällt in Automatismen. Also in Verhaltens- und Reaktionsmuster, über die man nicht mehr nachdenkt, wo man nur noch macht.

Und ab hier fängt es an, interessant zu werden… Nehmen wir einen MMA’ler, der einen Background hat, z.B. Ringen. Zehn Jahre lang hat er gerungen, wechselt nun zum MMA. Endlich ist es soweit, sein erster MMA-Kampf. Was denkt Ihr, wird er versuchen, im Kampf zu machen? Ich glaube, da sind wir d‘accord, er wird versuchen zu ringen. Nun gut, es ist sein erster Kampf. Sein zweiter Kampf verläuft aber ähnlich, sein dritter, vierter, …, zehnter ebenfalls. Stellen wir uns vor, er geht in seinem elften Kampf schwer KO, weil die Takedown Defense seines Gegners extrem gut war und sein Standup noch viel besser, als das des Ringers. Jetzt kommt das typische Verhalten, wenn man verliert und da das MMA so facettenreich ist, bietet es ein ganz besonders großes Feld dafür: man sucht Ausreden und versucht, seine Niederlage zu rechtfertigen. „Ja, ich bin halt mehr so der Ringer…“ könnte unter Umständen kommen. Wer sich jetzt angesprochen fühlt, gut. Wer nicht, umso besser 😉

Ich gehe mal noch einen Schritt weiter. Ein mehr oder minder erfahrener Athlet verliert via Submission. Sein Statement: „Ich bin halt mehr so der Striker…“ In seinem nächsten aytemomofighttopKampf geht er KO. Er: „Ja, ich bin halt mehr so der Grappler…“ Ehm, spätestens ab hier fängt es an, peinlich zu werden und evtl. sollte sich unser Athlet überlegen, ob es nicht manchmal einfach besser wäre, den Mund zu halten…

Es ist keine Schande, zu verlieren! Und egal, auf welchem Gebiet Ihr unterlegen wart, der andere war an dem da Tag besser. Punkt. Tragt die Niederlage mit Würde, sucht keine Ausreden und schiebt es keinesfalls auf Euren Background! Denn indem Ihr in den Käfig steigt und im MMA antretet, seid Ihr MMA’ler.

Häufig gibt es auch MMA-Gyms und Teams, die ganz besonders dafür bekannt sind, gutes Standup oder gutes Grappling zu unterrichten, weil Trainer früher Thaiboxer oder Ringer war. Ich reite schon ein wenig gerne auf meinem eigenen Background rum, Capoeira 14 Jahre. Ich unterrichte ebenfalls seit fünf Jahren MMA. Heißt es, dass meine Jungs plötzlich im Kampf anfangen zu klatschen und zu singen, weil der Background ihres Trainers Capoeira ist…?

Dass es aber auch andersrum wunderbar funktioniert, hat man in den Kämpfen Saba Bolaghi (ehem. Bundesliga-Ringer) gegen Martin Hink (Judoka) und Lom-Ali Eskijew (Ringer) gegen Marc Bockenheimer (MMA’ler) gezeigt. Die MMA’ler mit Grappling-Background haben wunderbares Standup an den Tag gelegt und gezeigt, dass man durch gutes Training ebenfalls alte Muster und Strukturen brechen kann.

Wie dem auch sei, liebe MMA-Freunde und insbesondere Athleten. Lasst die Kirche im Dorf, rechtfertigt eine
Niederlage nicht durch Euren Background. Ich finde, es zeugt von Charakter, wenn man einfach sagt: „Ja, der andere war einfach besser.“ Stattdessen arbeitet an Euren Defiziten und überzeugt in Eurem nächsten Kampf.

Ich persönlich weigere mich, dieser Begrifflichkeiten „Grappler“ und „Striker“ im MMA zu bedienen. WENN es schon sein muss, würde ich es mit „MMA’ler mit besonderen Grapplingskills“ bzw. „MMA’ler mit besonderen Strikingskills“ umschreiben, aber nur widerwillig.

Denn letztendlich sind wir eins: MMA‘ler

 Fotos (Symbolbilder): Copyright by German Fightnews

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